Mein Beruf – was für ein Glück in Zeiten mit großer Belastung

Meine Eltern Jahrgang 1912 und 1913 haben in der Nazizeit auf Kinder verzichtet. Mein Vater kam 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heim, da eine sowjet. Lagerärztin sich für seine Entlassung eingesetzt hat. So bin ich 1950 als einziges Kind geboren.

Ich war 36 Jahre alt, da bekam mein Vater 1987 einen Schlaganfall und meine Mutter wurde depressiv, da sie sich mit dem kranken Mann nicht abfinden konnte. Da begann meine Fürsorge für meine Eltern, die bei uns im Haus wohnten. Ich war in Teilzeit berufstätig, hatte 2 Kinder -1981 und 1984 geboren- .

Ab 1991 bemerkten mein Mann und ich Veränderungen an meiner Mutter. Sie begann Dinge zu behaupten die unmöglich so passiert sein konnten. Sie hatte oft grundlos- mein Vater hatte sich von seinem Schlaganfall ganz gut erholt, durfte nur nicht mehr Auto fahren – so schlechte Laune, aber dann besserte sich der Zustand meiner Mutter wieder und wir atmeten auf! Kurze Zeit später neue Anzeichen einer geistigen Veränderung, die guten Abstände wurden kürzer, die schlechten länger. Schon da dachte ich an eine Demenz, da mein Großvater – der Vater  meiner Mutter – ebenfalls “ verkalkt“ war-so sagte man in den 60ern!

1992 wurden die schlechten Tage immer länger, meine Mutter fand ihren Geldbeutel, die Schlüssel nicht mehr, fuhr mit dem falschen Bus, obwohl sie jahrelang den gleichen Weg in die ehemalige Heimatstadt gefahren ist, ließ Einkäufe im Geschäft liegen, war eifersüchtig auf die Damen im Fernsehen, konnte schmutzige und saubere Wäsche nicht mehr unterscheiden, behauptete zu kochen – was sie natürlich nicht mehr tat-, wollte zu ihren Eltern nach Karlsruhe, die schon 30 Jahre tot waren. Man musste den Herd abstellen, die Haustür abschließen. Einmal entwischte sie uns und wir hatten Glück, dass wir in der Straße bekannt waren und ein Nachbar sie nach Hause brachte. Die Medizin war noch nicht so weit, dass man die Alzheimer Krankheit so eindeutig feststellen konnte, aber der Hausarzt und ich gingen davon aus.

Bes. schlimm war für mich damals das Unverständnis für meine Probleme am Arbeitsplatz. Es gab noch keine Hilfen, keine Unterstützung, keinen Pflegedienst, die Pflegeversicherung wurde eingeführt einen Monat, bevor meine Mutter starb und ein Zimmer im Pflegeheim hätte meine Mutter 6 Wochen nach ihrem Tod im Jan. 1996 bekommen. So gut es ging versorgten mein Vater und ich meine Mutter. Ich habe damals nur funktioniert, hatte keine freie Minute mit Beruf und kleinen Kindern. Trotzdem denke ich heute, dass der Beruf mich gerettet hat. Wenn ich vor meiner Klasse stand, war keine Sekunde Platz, an das Elend daheim zu denken. Erst als ich mich ins Auto setzte, kreisten die Gedanken wieder um die Alzheimer Krankheit meiner Mutter.

Die letzten 6 Wochen vor dem Tod meiner Mutter waren die bisher schwersten meines Lebens. Nach einem Hirnschlag fiel sie ins Koma. Unser Hausarzt ermöglichte uns, sie zuhause zu behalten mit Unterstützung der Sozialstation begleitete ich meine Mutter in den Tod. Es war ein ganz langsames ruhiges Hinübergleiten.

Seitdem habe ich keine Angst mehr vor dem Tod, der Tod kam als erlösender Freund. Aber ich konnte keine Trauer mehr empfinden, nur Erleichterung, die Trauer hatte ich schon in den letzten Monaten verarbeitet.

Kurz nach dem Tod meiner Mutter verstärkten sich die Anzeichen einer Demenz bei meinem Vater. Bis Ende 1999 konnten wir ihn zuhause behalten, dann kam der Moment, „geht die Familie kaputt oder bringen wir ihn in ein Heim“. Von Januar 2000 bis zu seinem Tod mit 88 Jahren im Sommer 2001 war mein Vater in einem guten Pflegeheim untergebracht. Und jedes Mal, wenn ich ihn dort besucht habe – mindestens 3x die Woche – war ich von der Richtigkeit dieses Schrittes  der Heimunterbringung überzeugt.

Heute haben viele Freundinnen von mir jetzt im Alter von 64 Jahren und älter dieses Problem, diese Sorge und Aufgabe mit alten Eltern.

Ich habe es nicht bereut, Mutter und Vater so gut es ging versorgt zu haben. Doch ich konnte sozusagen weit mehr als 10 Jahre meines Lebens nicht leben, wie ich wollte. Viele Träume musste ich begraben. Und ich danke jeden Tag ganz heimlich meinem Mann, dass er mich nicht allein gelassen hat. Denn er war nur noch ein „Möbelstück“ und das wieder Zueinanderfinden war ein schwieriger Prozess und hätte auch schief gehen können.

Um so mehr genieße ich die Zeit heute und bin dankbar für jeden Tag, dass ich die Kraft habe neue Träume, Ideen, Möglichkeiten, die das Leben heute bietet, zu verwirklichen.

 

Annedore Wittum

Ein Kommentar zu „Mein Beruf – was für ein Glück in Zeiten mit großer Belastung

Hinterlasse einen Kommentar