Frau Erika B. empfängt mich mit einem bis ins Detail wunderschön gedeckten Kaffeetisch. Da ich schon den ganzen Vormittag und Mittag unterwegs bin mit nur einem Käsebrötchen als Mittagsspeise, komme ich fast ausgehungert dort an. Die Chemie stimmt sofort zwischen uns. Wir plaudern und kommen ganz schnell zum Glauben. Kreuz und quer geht unsere christliche, offene Unterhaltung. Ich fühle mich sehr wohl in ihrer Gegenwart. Immer wieder gießt sie mir koffeinfreien Kaffee nach. Mit drei schmalen Kuchenstücken bin ich pappsatt. Dann wechseln wir das Thema und kommen zu dem Punkt warum ich eigentlich hier bin.
Frau Erika B. wurde in einem Dorf in der Nähe von Pforzheim im Haus ihrer Eltern geboren. Damals waren Hausgeburten gang und gebe. Sie blieb auch das einzige Kind. Als sie noch klein war, zog die Familie in ein Nachbardorf, wo Frau B. noch heute wohnt. Dort leitete sie jahrzehntelang den Frauen- und Kirchenchor. Sie lebt ein Leben ganz bewusst mit Gott und sie sagt mehrmals, dass es nur Gottes Gnade ist, dass sie so alt wurde und dass es ihr so gut geht. Danken und Singen ist ihr ein tägliches Bedürfnis. Sie leitete auch Jugendkreise. Im Ort kennt sie jeder und sie hat zu allen Menschen ein gutes Verhältnis. Das gebietet ihr schon Gottes Wort. Sie sieht, dass der Mensch nicht auf sich alleine gestellt ist, sondern auf Kommunikation. Und diese pflegt sie auch so gut sie kann. Sie war jahrzehntelang verheiratet. Leider reichte es nicht zur goldenen Hochzeit. Die Ehe blieb kinderlos. Doch sie meinte mit einem Strahlen im Gesicht, dass sie im Ort sehr viele Kinder hat, die inzwischen selber Kinder bzw. schon Enkel haben. Von diesem Reichtum schöpft sie jeden neuen Tag auch Kraft. Während unseres Gesprächs klingelte mehrmals das Telefon. Mal war es eine Todesnachricht, mal eine kurze Info über einen Kuraufenthalt. Sie sieht überall das Gute und übermittelt das auch. Will sich selbst gar nicht wichtig nehmen. Spricht kurz das Schwere in ihrem Leben an, das sie aber hier nicht festgehalten haben möchte und meint, dass das Schwere in ihrem Leben sie auch weitergebracht hat und näher zu Gott. Singen und Danken, jeden Tag, ist ihr ganz wichtig.
Eine Begebenheit aus den Erzählungen von ihrem Vater. Damals gab es einen Bezirksdoktor. Es muss so um das Jahr 1922 /1923 gewesen sein. Er fuhr mit seinem dreirädrigen Fahrrad in alle Nachbardörfer. Einmal sah der Doktor auf seiner Fahrt einen Totengräber auf dem Friedhof, der von Hand ein Grab aufschaufelte. Der Doktor grüßte dann „Grüß Gott, Herr Versenkungsrat“, worauf der Arbeiter spontan zurückgrüßte mit den Worten „Grüß Gott, Herr Lieferant“. Der Doktor war sprachlos. Stimmte es doch, dass er immer wieder Menschen für tot erklären musste. Im Ort, in der ansässigen Wirtschaft, legte er Geld an die Theke und meinte, wenn der Herr Totengräber kommt, spendiere ihm von mir ein Glas Wein. Diese Begebenheit bewegt die heute 94-jährige noch sehr.
Vor der Machtübergabe Hitlers gab es eine große Arbeitslosigkeit. Ein Mädel aus dem Ort verliebte sich unsterblich in einen jungen Mann, der hier aber keine Arbeit fand. Deshalb wanderte er nach Amerika aus, wo er dann seine Braut nachholen wollte. Inzwischen waren sie miteinander verlobt. Endlich war es so weit und sie fuhr mit dem großen Dampfer über den Ozean. In Amerika angekommen, konnte nur derjenige das Schiff verlassen, der eine Adresse von jemand aus Amerika hatte oder noch besser, von Bekannten abgeholt wurde. Am Hafen war ein turbulentes Treiben und eine große Wiedersehensfreude. Nur dieses Mädel wurde nicht abgeholt. Einsam und verlassen stand sie alleine auf dem Schiff, den Tränen nahe. Ihre Eltern, die zu Hause ein eigenständiges Geschäft hatten, kannten Auswanderer von ihrem Dorf, die schon viel früher nach Amerika gingen. Diese Adresse gab die Mutter ihrer Tochter mit für den Fall, dass … Die Leute auf dem Schiff verständigten die Auswanderer, welche das Mädchen dann sofort abholten. Nach einiger Zeit fand dieses Mädel eine Anstellung als deutsches Dienstmädchen in einer Familie, die damals in Amerika ziemlich gefragt wurden. Der Geliebte war, trotz Nachforschungen, wie vom Erdboden verschwunden. Das Mädel ließ sich aber nicht unterkriegen. Jahre später lernte sie in Amerika einen Deutschen kennen, den sie später dann auch heiratete. Wenn Erika dies so erzählt, so ist sie noch heute betroffen von diesem Schicksal. Sie meinte abschließend, dass sie niemals so tapfer gewesen wäre.
Früher wurden die Kirchenglocken von Hand geläutet. Das war schwere körperliche Arbeit. Bei Hochzeiten wurde die erste Glocke geläutet. Dann kam die Zweite dazu. Alle 3 Glocken wurden dann geläutet, wenn das Brautpaar in der Kirche zum Altar schritt. Da bekamen die Buben einen kurzen Hinweis, der aber dieses Mal ausblieb. Die ganze Hochzeitsgesell-schaft war außer sich. Doch der Bräutigam, der damals in Pforzheim lebte, kam nicht in das Dorf der jungen Frau. Die Braut war so geschockt, dass sie niemals mehr heiratete. Die Buben bekamen für ihre lange Kraftanstrengung von dem Hochzeitskuchen. Auch daran denkt Frau B. immer wieder, wenn sie der Frau begegnet.
1933 wurde das Nachbardorf abgebrannt. Die Feuerwehr konnte den Brand nur schwer löschen, da die Schlauchkupplungen von den auswärtigen Feuerwehren nicht kompatibel waren mit der eigenen Dorffeuerwehr. Daraufhin kam das Gesetz, dass alle Schlauchkupplungen von allen Feuerwehren der verschiedenen Gemeinden in der Umgebung zusammen passen müssen. Fast das ganze Dorf war dem Erdboden gleich. Diese Info kam auch zum Führer. Hitler stattete dem Dorf einen Besuch ab. SA-Leute standen am Straßenrand Spalier. Sämtliche Kinder kamen in den Ort gerannt. Jeder wollte den Führer sehen. So auch Erika B. Als Hitler dann durch den Ort im offenen Auto durchfuhr, winkten die Kinder ihm begeistert zu. Das Feuer war in dem Moment gar nicht wichtig, sondern den Führer zu sehen, war so etwas Außergewöhnliches für diese Kinder. Erika B. war zwischen 12 und 13 Jahre alt. Diese Kinder wurden fanatisch in den Nationalsozialismus hineingezogen. Selbst sehr gebildete Leute sind auf Hitler hereingefallen. Erikas Vater überblickte recht schnell die tatsächliche Situation und sprach immer dagegen.
1936 wurde Erika B. konfirmiert. Berufsmäßig konnte sie in vielen Bereichen hineinschnuppern, aber nie etwas abschließen. Damals war eine Ausbildung für Mädchen undenkbar. Während der Brautrüstzeit (Vorbereitung auf die Ehe) wurde sie von einem Dekan-Ehepaar angeleitet, deren positiver Einfluss sehr nachhaltig war. 1948, als der Krieg vorbei war, heiratete sie. Der damalige Pfarrer hatte einen sehr guten positiven Einfluss auf Erika B. So wurde auch eine gute Jugendarbeit geleistet.
Frau B. arbeitete in vielen Bereichen. Doch eine Lehre konnte sie nie zu Ende führen. Die Wirren der Kriegszeit erlaubten dies nicht. Irgendwann war sie in einer Uhrenfabrik tätig. Während des Krieges wurde sie dienstverpflichtet. Die Uhrenfabrik in Pforzheim wurde zum Rüstungsbetrieb umgewandelt. Es wurden nun Zeitzünder hergestellt. Mit dem Bus fuhr sie zu ihrer Arbeitsstelle. In dieser Firma wurde rund um die Uhr gearbeitet. Frau B. hatte am Nachmittag Feierabend. Fuhr mit dem Bus in ihr Dorf. An diesem Abend fegte ein heftiger Sturm über das Dorf. Da kamen schon die Flugzeuge und warfen Bomben über Pforzheim. Dies geschah am 23. Febr. vor 72 Jahren. Innerhalb von 20 Minuten war Pforzheim zerbombt. Von ihrem Dorf aus sahen sie, wie Pforzheim lichterloh brannte. Innerhalb dieser wenigen Minuten starben 18000 Menschen. Unvorstellbar. Da der Gedenktag erst wenige Tage zurücklag, sah Frau B. diese Situation als wäre es erst gestern gewesen. Sie war heute wieder genauso bestürzt wie damals.
Im Dorf starb ein 8-jähriges Mädchen an einer Gehirnblutung. Sie war das einzige Enkelkind von den Dorfbewohnern, die Frau B. gut kannte. Dieser Einzelfall an dem plötzlichen Tod des Mädchens rüttelte das ganze Dorf auf. Wie mögen die 18000 Schicksale gewesen sein? Unvorstellbar dieses Elend.
Frau B. hat als Kind erlebt, wie Hitler die Judenverfolgung systematisch vorwärtstrieb. Auf einmal wurden Schaufenster von jüdischen Geschäften eingeschlagen. Die Synagoge wurde in Pforzheim niedergebrannt. In Pforzheim gab es ein jüdisches Arztehepaar, das oft Menschen behandelte, die kein Geld hatten. Sie taten viel Gutes und waren weithin bekannt, aber sie waren Juden. Schließlich sollten auch sie abgeholt werden. In der Nacht wählte das Ehepaar gemeinsam den Freitod.
Die Kriegsjahre waren für Frau Erika B. sehr einschneidend für ihr weiteres Leben. Ihr Mann wurde noch in den letzten Tagen vor Kriegsende in Russland schwer verletzt und durch eine Granate verlor er ein Bein. Als gelernter Kauf- mann ließ er sich, wieder zu Hause, nicht unterkriegen. Er bildete sich im Steuerwesen weiter und fand immer Arbeit. Es war eine schwere Zeit damals.
Schon in jungen Jahren leitete Frau B. den Kirchen- und Frauenchor, ebenso die Jungschar. Auch in der Seniorenarbeit war sie gefragt. Heute hilft sie beim Frauenfrühstück mit, soweit es in ihrer Kraft steht. Wenn sie gefragt wird, bringt sie ihre Persönlichkeit ein.
Der Frauenchor sang früher bei jeder Beerdigung. Einmal passierte folgende Begebenheit, die Frau Erika B. an ihre pietistischen Grenzen brachte. Im Dorf gab es eine geschiedene Frau, die mit ihrem einzigen Sohn ein sehr gutes Verhältnis hatte. Als die Mutter starb, besuchte der inzwischen erwachsene Sohn Frau B. und bat darum, dass bei der Beerdigung das Lied „Lustig ist das Zigeuner Leben“ gesungen wird. Das habe er und seine Mutter sehr oft in seiner Kindheit gesungen. Das wäre ihm ein inneres Bedürfnis. Sie einigten sich dann auf das Lied „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Ein Bekannter spielte mit dem Akkordeon dieses Lied so gut es ging, sehr getragen. Der Pfarrer erklärte im Voraus, dass sich die Gemeinde nicht wundert über dieses seltsame Beerdigungslied. Dies sei ein ausdrücklicher Wunsch des Sohnes.
Während der Kriegszeit wurden die Häuser mit Flüchtlingen total überbelegt. Im kleinen Dachkämmerchen wohnte eine Familie von 3 Personen. Es war ein heißer Sommer. Vorausahnend fragte die Frau die Nachbarin, ob der Sarg ihres Vaters, wenn er stirbt, in deren Waschküche 3 Tage aufbewahrt werden darf. Die Waschküche war ein kühler Raum. In dem Dachkämmerlein wäre ein 3-tägiges Aufbewahren unmöglich gewesen.
Damals wurde auf jeder Beerdigung gesungen, egal ob Flüchtlinge starben oder Katholische. Das Dorf von Erika B. ist sehr evangelisch geprägt und die Katholiken, ebenso wie die Flüchtlinge hatten es schwer, heimisch zu werden. So mancher Flüchtling hatte auf der Flucht ein Stück Heimaterde mitgenommen und dies aufbewahrt, damit diese dann bei der Beerdigung mit ins Grab kam. Frau B. war über diese tiefe Heimatverbundenheit jedesmal sehr erstaunt. Es berührte sie sehr. So erlebte sie so manch überraschende, traurige und auch fröhliche Begebenheiten als Chorleiterin.
Frau B. findet, dass Handys die Menschen kommunikationsunfähig macht.
Begegnungen finden oft nur am Rande statt und gehen nicht mehr in die Tiefe, weil Handys so dominierend sind.
Eine Frau aus dem Ort hatte die gleiche Meinung und wünschte sich bei einem runden Geburtstag eine Feier ohne Handy. Dafür hatte sie für jeden Gast ein Schokoladenhandy in einer Schokoladenmanufaktur gekauft. Dies bekam jeder Gast als Deko auf seinen Teller. Diese Geburtstagsdame besitzt selbst ein Handy, geht aber sehr sorgfältig damit um und lässt sich nicht von ihm ihren Alltag diktieren.
Handys können zum Fluch und Segen sein. Ein anderes positives Beispiel: Eine Frau aus dem Dorf lag im Hospiz. Sie wünschte sich als letzten Wunsch ein besonderes Lied, 3-stimmig gesungen. Die Schwägerin kam zu Frau B. und bat um ihre Hilfe. Durch das Handy und Internet haben sie dann das Lied letztendlich auch gefunden und der Dame im Hospiz vorgespielt, die überglücklich war.
Sie ist der Meinung im hohen Alter, dass man sich selbst total zurücknehmen soll, sich auf Menschen in der Nähe konzentrieren soll. In ihrer Nachbarschaft besteht eine Jugendgruppe, deren Musik oftmals bis in die Nacht hinein laut ertönt. Selbst der Bürgermeister nahm mit Frau B. Kontakt auf, wie sie darüber denkt, weil einige andere Nachbarn Beschwerde eingelegt hatten. Sie versucht auch mit diesen Jugendlichen eine gute Beziehung und ein gutes Miteinander vorzuleben. Es wäre ihr arg, wenn die jungen Menschen sie als unmögliche Nachbarin abtun würden, die dauernd schimpft, sie aber sonntags in die Kirche rennen sehen. Ein Spruch zu den jungen Menschen aus ihrem Mund lautet: „Ich bin die Junge von Gestern und ihr die Alten von Morgen“. Frau B. versucht mit jedem Menschen eine gute Beziehung zu pflegen. Das ist ihr ganz wichtig.
Erika B. war durch ihr hohes Alter bei jeder Taufe und jeder Beerdigung im Ort dabei. Das Mitfreuen und Teilnehmen dürfen ist ein Geschenk – so sieht sie es. Jedesmal, wenn sie bei den Senioren helfen darf, sagt sie immer: „Denkt dran, heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens. Lasst uns dies richtig nutzen.“ Ein Zitat von Jörg Zink: Wir Alten müssen genießen können. Wenn man im Alter nicht mehr genießen kann, wird man ungenießbar.“
Auf den Spuren von Paul Gerhard prägte sie verschiedenes Liedgut. Auch in den Tiefen des Herzens sich den Befehl geben: „Geh aus mein Herz und suche Freud“, das Osterlied: „Auf, auf mein Herz mit Freuden“ und das Neujahrslied: „ Nun lasst uns gehen mit Freuden“. Diese 3 für sie besonderen Lieder bestimmen ihr Leben. Singen befreit und ist für sie sehr wichtig. An jedem Morgen beim Aufstehen kommen ihr diese Zeilen aus dem Herzen, die sie laut ausspricht: Danke für diesen guten Morgen, Danke für alle guten Freunde usw. … Danke, o Herr, ich will dir danken, dass ich danken kann. Dies waren ihre Abschlussworte. Sie ist seit 20 Jahren Witwe.
Für mich war es ein erfüllender Nachmittag, an dem ich im Schnelldurchgang eine sehr liebenswerte, ältere Dame kennenlernen durfte, die für mich ein Stück Vorbild wurde. Ein Geschenk an mich. Dafür bin ich ihr dankbar.
Als ich 2 Tage später dieses Manuskript bei ihr abholte und zum Teil verbesserte oder hinzufügte, meinte sie schelmisch, dass sie heute einen schönen Brief bekommen hat. Schnurstraks ging sie in die Küche und reichte mir 2 DIN-A-4 Seiten. Während ich einen Moment stutzte, schaute sie mich schelmisch an. „Ja, Sie lesen recht – ich bekam ein Verwarnungsgeld von 15 Euro, weil ich anstelle der 30 in unserem Dorf 36 gefahren bin. Und sehen Sie sogar mit einem Bildchen von mir!“ Da konnte ich mir ein Grinsen auch nicht verkneifen. Dann meinte Sie, dass sie schon einmal mit der Polizei zu tun hatte, als sie vom Nachbardorf nach Hause fuhr. Da wurde sie von 2 Polizisten angehalten. Sie öffnete das Fenster und sagte sofort: „Ich weiß, ich weiß ….“ Da meinte der eine Polizist: „Sie hat es eingesehen“ und ließ sie weiterfahren. Nicht immer denkt sie daran, den Gurt anzulegen, wenn sie mit ihrem Auto unterwegs ist. Ja, wie das Leben so spielt. So gäbe es noch Vieles zu erzählen. Doch da werde ich abgeholt und wir beenden unser Gespräch.
U. Weigend, 27. Februar 2017
