Über eine Bekannte habe ich Frau F. kennengelernt. Frau F. lebt selbstständig in ihrem Haus. Sie bewegt sich mit ihrem Gehwagen und ist, trotz ihres hohen Alters von 100 Jahren, total fit. Sie kocht noch für sich selber; ist geistig total rege und sehr belesen. Sie hat eine gute Nachbarin, die täglich nach ihr schaut und sie unterstützt.
Frau F. wurde bei Duisburg geboren. Ihre Eltern hatten eine Baufirma. Nach Abschluss der Schule absolvierte sie eine 2-jährige Handelsschule. Da der Markt mit freien Arbeitsstellen dünn besät war, lag es nahe, im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten. Als dann der Krieg ausbrach, wurden auch hier die Aufträge immer weniger.
Sie lebte dann ein Jahr in Holland, da ihre Mutter gebürtige Holländerin war. Auch in den Schulferien war sie sehr oft bei Verwandten in Holland zu Besuch.
Sie machte dann bei den katholischen Nonnen ein Haushaltsjahr, indem sie die ganze Haushaltsführung von der Pike auf lernte. Das kam ihr dann später sehr zugute als sie verheiratet war und sie durch ihren Mann viele Gäste empfing.
Ihr Mann war schon Major als die Beiden heirateten. Sie kannte ihn schon seit Kindertagen und als er nach Frankreich musste, meinte er: „Nun sei sie 27 Jahre alt. Es wäre gut, wenn sie heirateten. Falls er nicht mehr vom Krieg zurück käme, bekäme sie wenigstens eine Witwenrente.“ Diese Beweggründe sind kein Einzelfall. Dies hörte ich im Laufe meines Lebens von diversen älteren Personen.
Als die Engländer ihre Bomben auf Duisburg warfen, traf es auch das elterliche Haus. Die Engländer hatten es hauptsächlich auf die Kruppwerke abgesehen, weil sie für das Militär Waffen hergestellt hatten. Und die vielen Zechen waren ebenso ein beliebtes Objekt der Engländer.
Das Wichtigste in einem kleinen Koffer stand immer parat, um bei einem Luftangriff sofort den nächsten Luftschutzbunker aufzusuchen. Die Personen, die einem Luftschutzbunker am nächsten waren, fanden natürlich immer einen Platz. Danach ging dann das Gedränge los. Einmal wollte jemand ihren Koffer entwenden, als sie sich in den Luftschutzbunker quetschte. Sie hielt ihn eisern fest. Bei dem Gerangel brach sie sich dabei die Schulter. Doch das war im Moment zweitrangig. Wichtig war gesichert im Keller zu sitzen, während über ihnen die Bomben in die Häuser krachten.
Frau F. wurde schließlich mit anderen evakuiert und landete in Bad Liebenzell. Dort bekam sie eine kleine Wohnung. Frau F. wurde von den Ortsansässigen nicht akzeptiert, da ihr Mann mit den anderen Soldaten das Vaterland verteidigten. Außerdem war sie als Norddeutsche als Eindringling gesehen, da sie nicht einmal ihren Dialekt sprach.
Ihr Mann wurde in der Zwischenzeit zum Major befördert. Ein Jahr, nachdem sie verheiratet waren, bekam ihr Mann Heimaturlaub. Sie verbrachten 3 herrliche Wochen. Eine Episode aus deren Zeit: Sie waren in ……. , als ein kleines Kind zu ihrem Mann sagte: „Lupf mi mol hoch“ und das in einem breiten Schwäbisch. Der Mann fragte mehrmals nach, verstand das Kind aber nicht. Da kam ihm seine Frau zur Hilfe und sie sagte zu ihm, das Kind möchte hochgehoben werden, damit es was sehen kann. So gab es immer wieder Verständigungsprobleme zwischen den Einheimischen und ihnen. Eine andere Geschichte war diese: Ein Nachbar hatte Beziehungen zu Leuten, die hoch oben am Berg wohnten. Dort konnten sie ein Ferkel abholen. Das Ehepaar machte sich im Dunkeln auf den Weg mit einem Leiterwagen. Sie banden dem Ferkel das Maul zu, damit es nicht quieken konnte. Es war damals Hungersnot und keiner sollte bemerken, dass dieses Ehepaar zu einem Ferkel kam. Letztendlich musste die Frau vorausrennen. Der Mann nahm das Ferkel unter den Arm und rannte hinterher. Im Haus schlachteten sie dann heimlich das Ferkel. Eine andere Erzählung war, dass Frau F. noch während des Krieges von Bad Liebenzell nach ….. auf einem Lastwagen saß. Da kam plötzlicher Bombenalarm und alle sprangen von dem Lastwagen herunter und ins Gebüsch. Es reichte Frau F. gerade noch sich flach auf den Boden zu legen, als neben ihr die Bombe losging.
Ein halbes Jahr vor Kriegsende ist ihr Mann in Russland gefallen. Somit war Frau F. nur zwei Jahre verheiratet. Sie hat seitdem nie mehr eine nähere Beziehung mit einem Mann gehabt.
Frau F.s Schwager starb an Krebs. So nahm sie ihre Schwester in der kleinen Wohnung auf. Später, als ihr Vater starb, kam noch die Mutter hinzu. Da wurde die kleine Wohnung viel zu eng.
Deshalb zogen sie nach N., wo sie gemeinsam ein Haus bauten. Das ist nun schon 53 Jahre her. Längst sind ihre Mutter und ihre Schwester verstorben. Als sie nach N. in das Haus zogen, arbeitete Frau F. 3 Jahre in einer Schmuckfirma. Dann bekam sie Witwenrente und hörte auf zu arbeiten. Die 3 Frauen lebten zufrieden in dem gemeinsamen Haus. Richtigen Anschluss hatten sie in dem Ort aber nicht gefunden. Wieder störten sich viele Nachbarn an ihrer schriftdeutschen Ausdrucksweise, meinten sie sei hochnäsig, was aber überhaupt nicht stimmte.
Frau F. ist eine sehr belesene Frau. Satire mag sie am liebsten. Sie liest auch sehr dicke Bücher wie zuletzt den „Hundertjährigen“. Den Fernseher macht sie nur an, wenn Tiersendungen oder Reiseberichte kommen. Das interessiert sie sehr. Und sie kommt noch heute ins Staunen, wenn im Fernsehen mal wieder gezeigt wird, wie die alten Ägypter ihre Pyramiden damals gebaut hatten und unter welchen Bedingungen.
Frau F. schreibt seit jeher Tagebuch. Oft sind es nur kurze Einträge. Hin und wieder liest sie auch darin. Manchmal, wenn sie nicht weiß was sie kochen soll, schaut sie nach was ihre Schwester an diesem Tag vor soundsovielen Jahren gekocht hatte. So konnte sie mir auch berichten, dass der Sommer 2003 einer der heißesten war. Im Moment liest sie sich durch dieses Jahr durch.
Frau F. ist in meinen Augen eine bewundernswerte Frau wie sie ihr Leben mit ihren 100 Jahren noch alleine meistert. Sie ist mit sich im Reinen, klagt nicht, nimmt das Leben so an, wie es kommt. Sie ist dankbar für ihre Nachbarin. Als sie in diese Straße zog, war das Nachbarsmädchen gerade mal 10 Jahre alt. Und heute, selbst erwachsen mit einer Familie, kümmert sie sich um Frau F.
Zum Schluss unseres Gespräches meinte sie, dass sie sich einen friedlichen, ruhigen Tod wünsche. Das wünsche ich ihr auch von Herzen.
U. Weigend, 24.05.2016
