Was du tust, das tue ganz!

Fritz F., 80 Jahre, ist in einer christlichen Familie mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen. Die Eltern bewirtschafteten eine kleine Landwirtschaft. Außerdem arbeitete der Vater in den Wintermonaten im Gemeindewald.

Er war 5 Jahre alt, als die Nachricht kam, dass der Vater im Russlandfeldzug gefallen ist. Somit wurde die Mutter mit 28 Jahren Kriegswitwe und hatte die 3 kleine Kinder zu versorgen. Sie führte alleine die Landwirtschaft weiter. Natürlich unter Mithilfe der Jungs, als sie etwas größer waren.

Er ging in dem kleinen Dorf in die Volksschule. Dort unterrichteten eine Lehrerin die Klassen 1-4 und ein Lehrer die Klassen 5-8. Malen und Turnen waren seine schlechtesten Fächer durch die ganze Schulzeit.

Sein Elternhaus lag neben dem Pfarrhaus. Dieser Pfarrer prägte sein weiteres Leben. Das Pfarrersmädchen war 2 Jahre älter als er und lernte ihm Flöte spielen. Dieser Pfarrer schloss sich dem Widerstand gegen Hitler an und wurde von Stuttgart während des Krieges in dieses kleine Dorf zwangsversetzt. Er bekam kein Gehalt, sondern wurde von den Dorfbewohner mit Lebensmittel und wenig Geld unterstützt.

Konfirmation mit 14 Jahren. Sie mussten ganze Lieder aus dem Kirchengesangbuch auswendig lernen, egal wieviel Verse das Lied hatte. Sie hätten den „Konfirmator“ damals auf den Mond schießen können, so sehr hat es sie damals angekekst. Heute ist er dankbar dafür, denn er kann sehr viele Lieder noch heute auswendig. Martin Luther-, Paul Gerhard- und Friedrich Hiller-Lieder gehören zu seinen Lieblingssongs. Auch heute noch. Die Musik von Johann Sebastians Bach bläst er heute noch voller Begeisterung mit seiner Trompete im Posaunenchor.

Danach Mithilfe im elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb.

Mit 17 Jahren nebenberufliche Übernahme der örtlichen Spar- und Darlehenskasse in der elterlichen Wohnung. Ein Zimmer wurden in deren Haus als Büro umfunktioniert. Der bisherige Leiter hatte nur einen Arm aus der Kriegszeit. So konnte er die schweren Düngersäcke nicht schleppen, die die Landwirte geordert hatten. Der Handel mit Kohle incl. Zustellung in den Kohlekeller der Leute sowie die Erfassung von Hunderten Zentnern Mostobst im Herbst gehörten ebenso zum Aufgabenbereich. Er war gleichzeitig Lehrling und Leiter. Bekam 6 Jahre kein Gehalt, sondern nur Provision. Heute ist es die VR-Bank. Vom Tag der Übernahme bis zu seiner Pensionierung war er Geschäftsführer dieser Bank. Bis zur Volljährigkeit (damals noch mit 21 Jahren) musste die Mutter Bürgschaft für evtl. Veruntreuungen übernehmen. Ab 1960 Vollzeitanstellung bei der Bank. Rund 10 Jahre „Einmannbetrieb“. 1969/1971 Erwerb und Abriss von zwei landwirtschaftlichen Anwesen und Erstellung einer Bank- und Warenneubau in der Ortsmitte. Von 1967-1980 Bezirksvorsitzender von über 80 Kredit- und Warengenossenschaften und deren Vertreter beim Genossenschaftsverband und in Stuttgart. Diese zusätzliche Aufgabe war nur möglich, weil zwischenzeitlich fleißige, treue und zuverlässige Mitarbeiter dazu gekommen sind.

Mit 24 Jahren heiratete er und beide leben noch heute glücklich zusammen. Sie haben 3 Kinder, 7 Enkel und 2 Urenkel.

Seit 70 Jahren ist er begeisterter Bläser am hiesigen Posaunenchor, den sein Vater 1921 mitbegründete. Seit 12 Jahren bläst er noch zusätzlich in einem Seniorenbläserkreis im Kirchenbezirk.

Ein weiteres Hobby von ihm ist der Obst- und Gartenbau.

Fritz F. war jahrzehntelang im Kirchengemeinderat aktiv tätig.

Fritz F. hat 3 Lehrsätze, die ihn durch das ganze Leben begleiten:

  1. Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert. (Gustav Werner von der Gustav Werner Stiftung Reutlingen)
  2. Was du tust, das tue ganz. (Konrad Adenauer)
  3. Dient einander mit der Gabe, die ihr empfangen habt. 1.Petrus 4.10

Eine Spritze Humor ist ebenso wichtig.

Mit 6, 7 Jahren kam er nach Stuttgart, ins „Olgäle“, dem Kinderkrankenhaus.

Er hatte an beiden Füßen unten verkürzte Sehnen. Mit Schwergewichten wurde versucht die Sehnen zu dehnen, ohne Erfolg. Er war gerne in diesem Krankenhaus. War Fliegeralarm; so hatten sie ihn komplett mit Bett in den Aufzug verstaut und sie fuhren in den Keller. Aufzug fahren war für ihn was total Neues, das ihn sehr faszinierte.

Schon als Grundschüler musste er und seine beiden Brüder im landwirtschaft-lichen Betrieb mithelfen. Oft kamen die Buben von der Schule und fanden in der Küche einen Zettel von der Mutter, worauf stand welche Aufgaben jeder zu erfüllen hatte. Bei der Heu- oder Getreideernte mussten die Jungs oft schon um 4 Uhr aufstehen, mit den Tieren  auf dem Feld anstehende Arbeiten erledigen. Das hatte den Vorteil, dass die Stechmücken um diese Zeit noch nicht aktiv waren. Unter den Stichen der Stechmücken leideten Mensch und Tier. Dann ging´s zur Schule. Nach der Schule durften sie ein paar Stunden im Haus bleiben. Erst gegen Abend gingen sie wieder aufs Feld.

Mit ca. 10 Jahren wurde er, aufgrund seiner Melkkenntnisse zum Milchprüfer ernannt. Er musste von den einzelnen Milchbauern im Milchhäusle (Ablieferungsstelle) Proben von der Milch entnehmen und die nach Pforzheim schicken. Manchmal kam es vor, dass die Milch „gepanscht“, also mit Wasser verlängert wurde. Oder es waren Keime in der Milch. Dann musste er zu dem jeweiligen Bauern gehen und von jeder Kuh eine Milchprobe entnehmen, damit man feststellen konnte, welche Kuh krank war. Fritz F. war stolz, dass sie ihn mit dieser Aufgabe vertraut machten. Und er erledigte alles sehr pflichtbewusst. Fritz F. lernte früh Verantwortung zu übernehmen.

Die Mutter ging sehr streng mit ihren Jungs um. Sie wollte, dass aus jedem Bub etwas werden soll. Oft bekamen sie eine übergebraten. Als Erwachsener konnte er seine Mutter sehr gut verstehen, dass es für sie fast unmenschliche Kraft kostete, die Landwirtschaft alleine zu führen und die 3 Jungs zu erziehen. Zu Essen gab es zwar immer genügend, doch Geld war oft keines da. Heute hat er alle Hochachtung vor seiner Mutter wie sie dieses schwere Leben bewältigte. Dieses Leben war für alle Kriegerfrauen sehr schwer und in den heutigen Zeiten unvorstellbar.

Im Herbst 1947 mussten die Buben, aufgrund einer besonders großen Ernte, Bucheckern im Wald sammeln. Die Mutter gab Fritz eine alte Hose vom verstorbenen Vater, die er anziehen musste. Die Hose ging ihm bis unter die Schulter. Er schämte sich so sehr für diese Hose. Doch die Mutter meinte: „Die Hose ist gut genug, um im Wald umeinander zu rutschen.“ Das sagte sie in so einem Ton, dass jegliche Diskussion im Keim erstickt wurde. Von den Bucheckern wurde dann Öl gepresst und mit diesem Öl wurde getauscht. Geld war ja Mangelware. Dieses Öl war sehr gefragt und man konnte alles tauschen was man brauchte. So bekam der Posaunenchor zum Beispiel ein Blasinstrument. Oder man tauschte Öl gegen Kleider, Schuhe etc.

Die christliche Erziehung in Kindertagen hat sein ganzes Leben bis heute geprägt. Der tägliche Umgang mit dem Wort Gottes ist für ihn und seine Frau nicht mehr wegzudenken. Sie nehmen Freude, Glück aus Gottes Hand und das Schwere, das der Alltag auch manchmal mit sich bringt, tragen sie mit der Kraft Gottes und dem Wissen in ihm geborgen zu sein.

Fritz F. setzt sich für Frieden und Gerechtigkeit ein – keine Waffen! Schlichten und Vermitteln wo Streit herrscht.

Zur Gottes Ehre und des Menschen Freude spielt er öfter Sonntagfrüh Paul

Gerhard- und Friedrich Hiller Lieder, aber auch Volkslieder gehören dazu. Meist geht er auf eine Anhöhe, damit es unten im Dorf viele Menschen hören. Einmal beschwerte sich eine Reiterin und meinte er solle das bitte unterlassen, da ihr Pferd jedes Mal scheut, wenn es die Bläsertöne hört. Sie einigten sich auf eine bestimmte halbe Stunde, wo er spielen konnte. Von den meisten Menschen bekommt er Zuspruch. Doch nicht jedem kann man es recht machen, siehe Pferd.

Im Rückblick meinte Fritz F., dass sein Leben so positiv verlaufen ist, weil seine Frau ihm immer den Rücken freihielt. Er hat eine treue, tolle, verständnisvolle Frau an seiner Seite.

Ich finde, das ist ein guter und schöner Schlusssatz, obwohl ich Fritz F. noch viel länger zuhören könnte.

U.Weigend, August 2016

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