Warum der Marienkäfer Marienkäfer heißt

Da war einmal ein kleiner Käfer. Der spielte zu gern und vergaß allzu oft,

was ihm seine Mutter gesagt hatte: nämlich, dass er sich nicht immer

so schmutzig machen und dass er pünktlich zum Essen zu Hause sein

sollte.  ( Ihr kennt das ja, liebe Kinder, von euren Muttis, nicht wahr? )

Aber der kleine Käfer hörte das nicht gern. Er spielte mit den anderen

Käferkindern bis diese nach Hause flogen. Er aber dachte gar nicht daran

heim zu fliegen. Er flog zu den Blumen und wälzte sich im Blütenstaub.

Das machte ihm viel Vergnügen, denn er konnte vom süßen Nektar

schlecken und immer wieder andere Blütenblätter anziehen und sich ganz

bunt verkleiden damit. Die Worte seiner Mutter hatte er vergessen.

Sie hatte ihm immer wieder gesagt:

„Verkleide dich nicht immer so auffällig. Die Vögel werden auf dich

aufmerksam und dann auffressen!“

Aber dem Käferjungen war das gleichgültig. Bis jetzt war ja auch immer

alles gut gegangen. Und so flog er auch an diesem Tag wieder über die

Wiesen und Sträucher und tummelte sich nach Herzenslust. Ohne es zu

merken, flog er immer weiter von zu Hause weg und suchte nach neuen

Blüten, die er noch nicht kannte und die noch voller Blütenstaub und

Nektar waren. Und er merkte auch nicht, dass er in eine Gegend kam, wo

gar keine Sträucher mehr wuchsen, in denen man sich gut vor den

Vögeln verstecken konnte. Die Blüten wurden auch immer weniger und

selbst das Gras war nicht mehr so dicht. Er war bei dem Berg

angekommen, der Golgatha hieß und der steinig und felsig war.

Plötzlich bemerkte er einen Schatten über sich – und noch einen!

Hilfe, dachte er. Hilfe, das sind ja Vögel – und Vögel fressen Käfer –

und ich bin ja ein Käfer!

Voller Angst wollte er sich verstecken, aber wo?  Wohin jetzt?

Und wutsch, dicht an ihm vorbei sauste da ein weit geöffneter Schnabel.

Uff, Glück gehabt, aber der kommt sicher gleich wieder, dachte der

kleine Käfer. Da bemerkte er ganz in der Nähe drei große kahle Bäume

und darunter standen Menschen.

O, Menschen, dachte der Käfer, und Bäume, da will ich hin. Vor

Menschen haben die meisten Vögel Angst, da verfolgen sie mich

vielleicht nicht mehr, und er breitete seine kleinen Flügel aus und:

summ!  ging es los – geradewegs auf die Menschen zu. Und wie das

Käferchen angesaust kam, sah es, dass an den kahlen Bäumen Menschen hingen.

Na so etwas! Was ist denn das? dachte der kleine dicke Käferjunge.

Das sind ja gar keine Bäume mehr. Da haben die Menschen aus

Stämmen Kreuze gemacht und drei Männer daran befestigt.

Ja was sollte denn das sein?

„Da will ich mich verstecken“, sagte der kleine Käfer zu sich selbst,

„und einmal nachschauen, was da geschieht“.

Und so setzte sich der Käfer auf das mittlere Kreuz, ganz nahe am Kopf

von Jesus. Der sah fürchterlich aus. Man hatte ihn geschlagen, sogar ins

Gesicht, sodass er blutete. Außerdem hatte man ihm ein Dornengeflecht

aufs Haupt gesetzt und der Käfer hörte, wie man ihn damit verspottete,

indem man sagte, dass das eine Krone sein sollte. Die Dornen drangen

Jesus tief in die Haut, sodass er blutete.

„Was ist passiert?“, rief der kleine Käfer.“Was machen die Menschen da mit dir?“

„Ach“, sagte Jesus. „Sie sind böse und selbstsüchtig und deshalb wollen sie mich

töten“.

„Aber was hast du denn getan?“ fragte der kleine Käfer.

„Nun“, sagte Jesus, „eigentlich war ich immer artig, denn meine Eltern

waren so arm, dass ich in einem Stall geboren wurde. Deshalb wollte ich

meinen Eltern auch keinen Kummer machen und habe getan, was sie

sagten – jedenfalls meistens. Ich habe auch den Zimmermannsberuf wie

mein Vater erlernt und mit ihm gearbeitet. Aber als ich groß war,

habe ich gemerkt, dass das, was meine Eltern mir über Gott und seine

Gesetze erzählten, oft nicht übereinstimmte mit dem, was die Menschen

taten.  Und so habe ich die Gesetze und die Schriften studiert und den

Leuten erzählt, was Gott wirklich von den Menschen will und wie sie

seine Gebote einhalten sollen. Ich wollte, dass die Menschen gut und lieb

zueinander sein sollten, aber sie wollten das nicht, – jedenfalls nicht alle.

Jeder denkt zuerst an sich selber und deshalb gibt es weiterhin Zank und

Streit und deshalb wollen sie mich nun töten.

Liebes Käferchen, ich bitte dich, geh hin und erzähle allen meine

Botschaft weiter: Nur wenn man sich lieb hat, wird die Welt gut, und nur,

wenn man sich gegenseitig verzeiht, was vielleicht einmal nicht so gut war,

kann die Welt und jeder einzelne Mensch besser werden!“

„Aber wer wird mir glauben?“, fragte das Käferchen,  „ich bin so klein

und so schmutzig“.

„Das macht nichts“, sagte Jesus. „Viele sind klein und manche auch ein

bisschen schmutzig, sie glauben trotzdem an mich und meine

Botschaft über die Liebe Gottes: Ich bleibe bei euch alle Tage der Zeit.

In den Schriften über Gott, in den guten Taten, mit denen  ihr euch

gegenseitig beschenkt und in eurer Liebe untereinander, werde ich immer

bei euch sein. Und so wie ihr den Schmerzensmann seht, so seht ihr die

aufopfernde Liebe Gottes.

Flieg nun, geh hin und sage das meiner Mutter Maria, die da unten steht und weint. Tröste sie mit diesen Worten.“

Das Käferchen flog an die Wange von Jesus und gab ihm einen dicken Kuss.

Da fiel ein Tropfen Blut von der Stirne Jesu auf den Käfer, so dass seine

Flügel rot wurden. Nur da, wo sie schmutzig waren, blieb das Rot nicht

erhalten und so hat er schwarze Punkte auf seinen roten Flügeln noch heute.

Und da er Maria wirklich getröstet hat und ihr auch einen zarten Kuss gab,

heißt er seither Marienkäfer.

Und so, wie der kleine Käfer, wollen auch wir das Leiden Jesu nicht vergessen und seine Botschaft weitersagen.
Peter Völkl

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