Im Reisebüro

Vor kurzem betrat ich unser Reisebüro in einer Nachbargemeinde, um einen Flug zu buchen und wurde zufällig Zeugin einer sehr hässlichen Szene.

Ein langjähriger Kunde, weit über 90 Jahre alt, beschwerte sich lautstark über eine Reiseversicherung, die seine Frau noch abgeschlossen hatte, da sie mit den modernen Medien von heute mehr vertraut war. Die Versicherung verlängerte sich automatisch, wenn der Versicherungsnehmer nicht von sich aus kündigt.

Das Paar war, als noch beide gesund waren, sehr gute Kunden und hatten teure Reisen unternommen. Inzwischen ging es der Ehefrau sehr schlecht, Reisen waren seit vier Jahren, wie man aus der Auseinandersetzung erfuhr, nicht mehr möglich. Der zornige Ehemann hatte beim Durchsehen der Kontoauszüge seiner Frau zufällig die weiterlaufende Reiseversicherung entdeckt.

Deshalb kam er voll Empörung ins Reisebüro und forderte die Rückzahlung der Versicherungsbeiträge für die vier Jahre, da sie ja nicht mehr reisen konnten und er der Überzeugung war, das Reisebüro hätte ihn aufmerksam machen müssen den Vertag zu kündigen. Der alte Herr verstand nicht, dass es die Aufgabe des Versicherungsnehmers gewesen wäre zu kündigen, nur war seine Frau nicht mehr dazu in der Lage das zu tun.

Es ging hin und her, die Angestellten bemühten sich, dem Mann die Angelegenheit zu erklären und ihm zu helfen, indem sie ihm sofort die Kündigung schreiben wollten. Er sollte nur noch unterschreiben. In seiner Aufregung hat er gar nicht verstanden, dass man ihm ja helfen wollte, nur die vier Jahresbeiträge konnte und wollte das Reisebüro nicht übernehmen. Sicher war die Versicherung bei mehreren Reisen pro Jahr praktisch und günstig, aber es ist tragisch, wenn man nicht mehr fähig ist, sich um seine Kontoführung zu kümmern.

So bekam ich die ganze Tragik mit: sehr alt, schwerstkranke Frau, keine Angehörigen, im Ausnahmezustand. Der auf sich gestellte Mann fühlte sich in seinem hohen Alter alleingelassen, verzweifelt, überfordert. Man merkte, dass er nicht mehr zurechtkam einerseits, andererseits aber einen Schuldigen suchte, dem er die  Sache in die Schuhe schieben konnte. Schließlich beschäftigte er drei Angestellte mit seinem Problem und wir wartenden Kunden bekamen alles mit.

Sicher hat der Mann sich vor zehn Jahren nicht vorstellen können, in so eine Lage zu kommen und hat nicht vorgesorgt, dass ihm jemand Vertrautes beiseite steht. Seine ganze Art zeigte, dass er, noch gesund und lebenstüchtig, sehr überheblich und schwierig gewesen sein musste. Und jetzt im hohen Alter, mit schwerkranker Frau ist alles kompliziert und ihm wird instinktiv bewusst, dass ihm die Herrschaft über sein Leben aus den Händen gleitet. Ihn befällt eine Angst, dass er im Strudel der Überforderung sich selbst verliert und sein Leben auseinanderbricht.

Das Miterleben dieses Vorfalls machte mir klar, wie wichtig rechtzeitige Vorsorge ist, man planen muss und v.a. wenn man keine Kinder hat, sich jemandem anvertrauen muss, dem man ruhigen Gewissens seine finanziellen Dinge übergeben kann.

Denn so möchte ich am Ende meines Lebens nicht dastehen, dass mir mein Leben einfach aus den Händen gleitet.

1/2020 Annedore Wittum

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