Kindliche Gewalterfahrung

Immer wieder kommt die Erinnerung hoch,  an einen Tag vor über 64 Jahren, eine Erinnerung an eine Gewalt – die sie meinte, vergessen zu haben – die sie als Kind in einem wirklich liebevollem Umfeld nie erwartet hätte, sich nie hätte vorstellen können, dass eine Mutter gegenüber dem eigentlich geliebten einzigen Kind so die Beherrschung verlieren könnte.

Sie weiß aus Ihrer Erinnerung nicht, ob sie schon in der ersten Klasse war, oder ob sich der Vorgang vor der Einschulung ereignet hatte. Sie war etwa sechs Jahre alt und hatte eine Freundin, die aus sehr prekären Verhältnissen stammte. Claudia lebte mit ihrer Mutter sehr einfach und oft reichte das Geld nicht aus, sich ausreichend zu ernähren. Das wusste auch die Mutter des Mädchens und sie sah es eigentlich nicht gern, dass zwischen ihrer Tochter und Claudia so eine innige Kinderfreundschaft bestand.

Eines Tages im Sommer der 50er Jahre hatte Claudia mal wieder nicht genug zu essen bekommen und hatte Hunger. Die Mutter gab ihrer Tochter Geld für Claudia mit, damit sie sich eine Brezel kaufen konnte. Das Geld sollte nicht für Süßigkeiten ausgegeben werden. Beim Bäcker wollte sich Claudia auch eine Brezel kaufen, aber dann sah sie das selbstgemachte Eis, eine solche Verführung, Vanille-, Schokolade-, Erdbeereis. Das war damals noch etwas ganz Seltenes. Sie konnte einfach nicht widerstehen und kaufte sich statt der Brezel ein Eis. Als die Freundin sah, wie Claudia mit dem Eis aus dem Laden kam, ahnte sie schon im Voraus den Ärger zuhause. Denn sie war ein liebes Kind und war es nicht gewohnt zu lügen. Natürlich verstand sie die Freundin, dass sie das Geld für ein Eis ausgegeben hatte.

Aber wie sollte sie es der Mutter erklären, wenn sie fragte- und da war sie sich sicher, sie wird fragen.

Es kam, wie es kommen musste.

Die erste Frage beim Heimkommen war, ob Claudia sich auch eine Brezel und keine Süßigkeiten gekauft hat? Das Kind druckste rum, sagte ja, sie hat sich eine Brezel gekauft, wurde rot, unsicher. Und die Mutter war perfekt im Verhören. Sie sagte ihrer Tochter ins Gesicht, dass sie lügen würde. Dann geschah etwas Schlimmes. Die Mutter verlor vollkommen die Fassung aus Wut und Enttäuschung, dass ihr Kind sie wegen Claudia anlog. Sie verlor jede Beherrschung und schlug so auf das kleine Mädchen ein, nicht auf den Po, nein die Schläge prasselten aufs Gesicht, Lippen und Wangen, die Mutter konnte gar nicht mehr aufhören. So hat sie sich in ihren Zorn hineingesteigert. Das Kind war vor Schreck und Schmerz so verängstigt und fassungslos. Alles ging so schnell, und dieses Ausrasten der Mutter hatte es nicht erwartet. Das Kind war wie gelähmt, die Lippen, die Wangen waren rot und geschwollen. Von einem Moment zum anderen kam auch die Mutter wieder zu sich und war selbst entsetzt, was sie in ihrer Wut, vom eigenen Kind angelogen zu werden, um die Freundin nicht zu verraten, getan hatte.
Sie entschuldigte sich, weinte selbst, kühlte das Gesicht ihrer Tochter und versprach, dass es nie wieder vorkommen werde und bat die Tochter, dem Vater abends nichts zu sagen.

Der aber merkte gleich, als er sein Kind sah, dass etwas Schlimmes vorgefallen war. Die Rötungen waren im Gesicht noch deutlich zu sehen und der Vater war fassungslos, wie seine Frau wegen einer Kleinigkeit so ausrasten konnte.

Die Mutter hat ihr Versprechen gehalten. Sie hat ihr Kind nie mehr so gezüchtigt.

Aber das Kind hat diese Schläge nie vergessen, obwohl es manchmal glaubte, sie vergessen zu haben.
Es war ein kleiner Riss da in der Mutter-Kind-Beziehung. Die Tochter hat ihrer Mutter längst verziehen. Denn je älter sie wurde, desto mehr wurde ihr klar, dass sich die Mutter in einem absoluten Ausnahmezustand befunden haben musste.

1/2020 A.W.

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