Nur ein kleiner harter Pickel

Sie saß im Zug von Mühlacker nach Stuttgart, um sich im Schloßgartencafé mit einer langjährigen Freundin zu treffen. Es war Anfang Juni, ein strahlend schöner Sommertag und es gab allen Grund froh zu sein.

Plötzlich fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht und bemerkte auf der rechten Wange nicht weit vom Ohr einen winzigen Pickel, der morgens, wie sie meinte, noch nicht da war. Sie war jedenfalls überzeugt, nein, er war noch nicht da! Immer wieder, wie zwanghaft, berührte sie den Pickel, der ihr ungewöhnlich klein und hart vorkam, während der Zugfahrt.

Beim Treffen mit ihrer Freundin vergaß sie zeitweise den Pickel.

Auf der Heimfahrt fuhr die Hand wieder unwillkürlich zur Hautveränderung, der Pickel war noch da.

Ein paar Tage später befasste sie sich wieder mit der hässlichen Stelle in ihrem Gesicht. Sie meinte, der Pickel wäre noch gewachsen. Ein Termin bei der Hautärztin sollte klären, was es mit der Wucherung auf sich haben könnte. Die Ärztin vermutete, dass ein gutartiger Hautkrebs die Ursache sei und nahm eine Gewebeprobe. Das Ergebnis eine Woche später war zwiespältig! Erst bei der Extraktion der Wucherung könnte man sagen: gut-oder bösartig.

Inzwischen wuchs der Pickel weiter, war sehr druckempfindlich und sah erschreckend hässlich aus. Sie ging nur noch mit einem Pflaster auf der Wange aus dem Haus und sehnte den Tag herbei, an dem sie sich dem empfohlenen plastischen Chirurgen vorstellen konnte. Der war entsetzt, so ein großes Spinaliom – wie er die Wucherung nannte – das in einem Monat so gewachsen ist, hatte er in seiner langjährigen Praxis noch nicht gesehen. Deshalb bot er ihr an, es gleich zu entfernen.

Gesagt, getan und wieder begann das Warten auf den Befund. Eine Woche später beim Fäden ziehen erfuhr sie, dass der Hautkrebs bösartig war und eine zweite Operation nötig war, um eventuelle Spuren des Krebses aufzudecken. Fünf Tage später fand die zweite Operation statt, genau nach Maßgabe des Pathologen, der das bösartige Gewebe untersucht hatte. Nach nur drei Tagen kam die erlösende Nachricht, dass keine Spur von Krebs mehr gefunden wurde.
Der plastische Chirurg war ein Künstler. Die Narbe heilte so gut, dass nur feinste Haarrisse zu sehen sind.
Natürlich wird jetzt immer wieder die Nachsorge anstehen, eine Sonnencreme Lf 50 und ein Sonnenhut gehören jetzt zur Grundausstattung, v.a. im Sommer.

Und die Gewissheit, dass von einer Sekunde auf die andere alles anders sein kann. Die Sorge. .. Krebs… lauert jetzt immer im Hinterkopf.

Es war doch nur ein winziger harter Pickel.

 

Annedore Wittum

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