Oft umgesiedelt und letztlich doch Heimat gefunden

 

Sie wurde 1923 in Rumänien, Siebengebirge, geboren. Sie hatte noch 3 weitere Schwestern, wovon eine noch in Kanada lebt. Sie war das zweite Kind ihrer Eltern. Sie besuchte die Volksschule. Dann ging sie in die Lehre und ließ sich als Schuhverkäuferin ausbilden. Später hat sie bis zur Umsiedelung in der Rüstung gearbeitet.

1942 wurden sie nach Deutschland umgesiedelt – ein kleines Dorf bei Donaueschingen, Schwarzwald. Dann wurden sie wieder umgesiedelt in die Grenadierkasserne nach Bromberg, Polen. Die Eltern kamen aufs Land, weil sie zu Hause auch Landwirtschaft hatten und dort dann mitarbeiten konnten. Dann kam auch ihr Vater an die Front nach Russland. Frau Hildegard A. blieb in Bromberg, Westpreußen, wo sie zuerst in der Rüstung arbeitete, später als Dolmetscherin bei der ungarisch-rumänischen Nahaufklärungstruppe. Hier lernte sie auch 1943 ihren Mann kennen. Er war Unteroffizier bei der Luftwaffe. Ein Jahr später, 1944, heirateten sie. Ihr Mann kam an die Front nach Russland. Noch im selben Jahr kam ihre Tochter zur Welt.

Mit dem 4-Wochen alten Baby zogen sie aufs Land, nach Luisensee, Polen. Ein Jahr später flüchteten sie wieder, weil die Russen kamen. Das ganze Dorf zog mit 21 Pferdewagen los. 1945 wurde sie von ihren Eltern getrennt. Frau Hildegard A. wurde von der Organisation „Mutter und Kind“ aufgenommen. Da dann auch dort der Russe kam, flohen sie in einem Güterwagen nach Stettin. Unterwegs gab es schweren Beschuss von den Partisanen. Bei Rostock wurden die Mütter mit ihren Kindern auf verschiedene Dörfer verteilt. Frau Hildegard A. kam nach Ripnitz zu einer Familie, deren Ehemann als Matrose auf See war. Dort wurde auch ihre Tochter getauft. Dorthin kam auch überraschend ihre 14-jährige Schwester.

Frau Hildegards Ehemann wurde an der Front schwer verwundet. Er hatte Splitter am Hals und im Oberkörper. Er kam in ein Lazarett nach Hamburg. Anschließend bekam er Heimaturlaub. Durch das Rote Kreuz suchte er nach seiner Frau und seinen Eltern. Er kam ursprünglich aus Pforzheim. Dorthin war auch ein loser Briefverkehr mit den Schwiegereltern und Hildegard A.

So klopfte er eines nachts bei seiner Frau an den Fensterladen. Da war die Freude groß. Als sie in einer Apotheke Lebensmittel einkaufen waren, kam ein italienischer Offizier, fragte nach seinem Urlaubsschein und riet ihnen sofort zu flüchten. Käme ein SS-Mann würden sie sofort erschossen. Der italienische Offizier schrieb noch etwas auf seinen Heimatschein, dass er mit seiner Familie in den Westen fahren durfte. So flohen sie noch am selben Tag mit dem kleinen Baby.

Pforzheim wurde inzwischen auch bombardiert und die Schwiegereltern wurden bei K… in einem Bauernhaus untergebracht.

Am 8. Mai kamen die Russen und alle, die vom Westen waren, mussten in die  Arsenalkaserne – Kölpin bei Schwerin, Mecklenburg. Die Eltern wurden auf  einem Gut untergebracht. Dort blieben sie bis Kriegsende.

Jede Nacht kamen die Russen und vergewaltigten die Frauen. Hildegard A. wurde deshalb verschont, weil in dem Haus, wo sie untergebracht waren die Russen ein Zimmer als Lazarett benutzten. Alle Flüchtlinge wurden durch ein Läusebad geschleust. Nach 4 Wochen in dieser Arsenalkaserne bekamen sie einen Fahrschein für den Zug, um nach K… zu den Schwiegereltern zu fahren.

8 Wochen später, September 1946, zogen sie nach O…. wo sie noch heute wohnen. Dort wurde auch ihr 2. Kind, ein Sohn, geboren. Frau Hildegard wurde beim Deutschen Roten Kreuz als DRK-Schwester ausgebildet und arbeitete viele Jahre für diese Organisation. Später fand sie eine Anstellung als Altenpflegerin in einem schönen Seniorenheim. Dort arbeitete sie 25 Jahre. Mit 73 Jahren ging sie dann endgültig in Rente. Ihr Ehemann ist 2012 verstorben, nach einer 67-jährigen, glücklichen Ehe.

Als Frau Hildegard A. 85 Jahre alt war, ist sie erstmals gefallen. Bekam einen Gelenkschulterabriss. 2013 stolperte sie über das Staubsaugerkabel und hatte den Oberschenkel gebrochen. Als der Nagel im Oberschenkel durchgebrochen war, musste sie erneut operiert werden. 2014, 91-jährig bekam sie eine neue Hüfte. Dann brach sie sich den 4. Und 5. Wirbel. Deshalb konnte sie auch nicht mehr stehen. Wieder eine Operation. Seitdem wohnt sie bei ihrer Tochter.

Frau Hildegard A. freut sich des Lebens, ist eine lebhafte Frau, die geistig noch sehr rege ist und immer viel zu erzählen weiß. Es war auch für mich bereichernd dieser Frau zuzuhören und so wie ich mich kenne, wird es nicht das letzte Interview sein.

U. Weigend, Juli 2016

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