Wo ist das kleine Mädchen geblieben?

Nach vielen Jahren blätterte sie in einem alten Familienalbum.  Ihr Blick blieb an einem Bild hängen, das sie als Fünfjährige mit einem etwa zwei Jahre jüngeren Mädchen zeigt.
Es ist Sommer, das Kind sitzt neben ihr im trockenen Gras und beide lachen und scherzen in die Kamera. Vor ihnen liegt eine Papiertüte mit Trauben und sie pflücken einzelne Trauben ab und stecken sie lachend in den Mund. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich, und sorglos machen sich die Kinder auf dem S-W -Foto über die Trauben her. Das Gesicht ihrer kleinen Freundin ist fein geschnitten, weich, anmutig mit großen Augen und Locken umrahmen das Gesichtchen. Das Bild enthält soviel gute Laune, Leichtigkeit und Lebensfreude. Das Leben ist einfach schön.
Inzwischen sind rund 60 Jahre vergangen, seit ihr Vater das Bild gemacht hat. Und fast solange hat sie das dreijährige Mädchen von damals nicht gesehen, bis sie es vor kurzem durch Zufall auf einem runden Geburtstag wiedergesehen hat. Natürlich erkannte sie es nicht wieder. Zum einen sind Jahrzehnte vergangen, zum anderen hat sie erleben müssen, was das Leben, die Zeit, das Schicksal  inzwischen dem ehemals bezaubernden Mädchen angetan haben.

Vor ihr stand einen ziemlich dicke Frau mit erloschenen Augen, unvorteilhaft angezogen, die Bewegungen waren langsam, fahrig und ungeschickt, als ob sie nie Sport getrieben hätte. Es kam ihr vor, als wollte sie jedes Zuviel an Bewegung vermeiden. Sie schien auch keinen Wert auf ihr Äußeres zu legen. Anscheinend war sie es gewohnt, dass niemand sie bemerkt. Schicke Frisur, Makeup, flottes Kleid…. Fehlanzeige. Es gehört heute ja nicht viel dazu, auch bei stärkeren Größen etwas Vorteilhaftes zu finden. Noch nie gab es für stärkere Fauen so kleidsame Sachen wie heute, auch zu annehmbaren Preisen. Sie schien ihrer Beobachterin nach an einem Punkt angekommen zu sein, an dem es ihr gleichgültig war, wie sie aussah, wie und ob sie wahrgenommen wurde.

Was hat das Leben ihr angetan, als ältere Frau so zu werden? Was ist in diesem Leben schiefgelaufen, dass sie als älterer Mensch so viel Kummer, Leid, vielleicht verpasste Gelegenheiten, Vergeblichkeit, Bedauern ausstrahlte?

Die Ältere war schockiert, innerlich fragte sie sich, wie konnte es soweit kommen? Was alles stürzte im Laufe des Lebens auf sie ein, dass sie keine Kraft, keinen Mut, keine Disziplin, keine Erinnerung an ihre Kindheitsträume hatte und sich vom Alltag schieben, treiben ließ und die Macht über ihr Leben verlor.

Bei manchen älteren Frauen, die sie im Alltag aufmerksam beobachtete, fragte sie sich oft, wo ist das kleine Mädchen, das sie alle einmal waren, geblieben?

Denn viele Frauen machen im Alter den Eindruck, dass sie jeden Jugendtraum, jede Lebensfreude, jede Hoffnung verloren haben und mit schlechter Laune, mürrischem Gesicht, vollkommen enttäuscht und vereinsamt ihre letzten Jahre verbringen. Alle Menschen erfahren im Laufe ihres Lebens Schicksalsschläge, und wie John Lennon sagt “ Das Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ , entwickelt sich das Leben anders, als man es als junger Mensch erwartet. Es wird nicht besser und es ändert sich nichts, wenn man sich dauernd an sein Unglück erinnert, die nicht genutzten Chancen und Gelegenheiten beklagt. Das nimmt einem nur die Kraft und hilft in keiner Weise.

Deshalb sollten Frauen das kleine Mädchen in sich hegen und pflegen, es immer und immer wieder zum Leben erwecken und sich an die eigenen Träume erinnern und Träume einfach leben.

Damit man sich im Alter nicht fragen muss: „Wo ist das kleine Mädchen geblieben?“

10/2019 Annedore Wittum

 

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